Auf ins Neue

Anfangs März fand ich mich im luftleeren Raum wieder. Aus einer längeren und mit viel Drama verbundenen Beziehung entflohen, und in einen neuen Lebensabschnitt geworfen, galt es nun, sich neu zu definieren.  Mein Plan ließ sich grob in drei Bereiche unterteilen: Ausziehen, Rumvögeln, neues Umfeld aufbauen. Und nun, Mitte Juni, kann ich sagen, dass es gut um meine Pläne steht und  ich sogar noch mehr gefunden habe, als ursprünglich intendiert.

Ansetzen in meinen Erzählungen möchte ich Mitte März, als ich auf einer Seite, auf der Leute nach unverbindlichen Abenteuern suchen, ins Gespräch mit einem jungen Herren kam. Seinem Profil konnte ich entnehmen, dass er 30 war, Student, attraktiv, in sinnvoller Zugdistanz wohnte, und unsere Vorlieben zu harmonieren schienen. Wieso sollte ich also auch nicht auf seine Nachricht antworten.

Ich wusste genau, was ich mir in Zukunft von solchen Treffen erhoffte. Schon immer hat in meiner Sexualität ein Teil geschlummert, den das Spiel mit Schmerz, Dominanz und Unterwerfung reizte. Bisher konnte ich diesen jedoch nie ganz so ausleben, wie ich wollte. Dies teilte ich besagtem Herren auch mit, und ihm schien zu gefallen, was er da zu lesen bekam. Auch er fand gefallen an eben diesem, am besten ohne feste Rollen, genau so, wie ich es mag. Beim Schreiben kristallisierte sich schnell heraus, dass unsere Gemeinsamkeiten das Sexuelle überstiegen, aber dazu später mehr. Es schien also zu passen und wir verabredeten uns für ein Treffen gut zwei Wochen später.

Da ging ich nun die vereinbarte Bahnhofstreppe zum vereinbarten Zeitpunkt runter und guckte zur vereinbarten Stelle, wo er lässig ans Geländer gelehnt stand und mich anlächelte. In echt sah er noch besser aus als auf den Fotos. Sympathisch auf den ersten Blick noch dazu. Drei Küsschen und der Gang zum Café, welches wir vorher schon  vereinbart hatten. Ich wurde immer nervöser, wusste nicht recht, was man in so einer Situation sagte, und wie immer, wenn ich nervös war, trat meine etwas ungeschickte Seite in den Vordergrund.

Da sassen wir uns nun gegenüber. Er mit einem großen Becher Kaffee in der Hand und ich nuckelte an meinem Tee. Noch viel zu heiß. Wieso gießen Leute Tee immer zu heiß auf? Wir plauderten, verstanden uns gut. Sprachen über unsere Schulzeit, unsere Familie, Literatur – immer wieder erkannte man sich im anderen wieder. Ich mochte es, ihn reden zu hören. Noch dazu Hochdeutsch, da habe ich ja eine Schwäche für. Wir entschieden uns, zum Hotel zu gehen, in dem er bereits eingecheckt hatte. Der Spaziergang dahin kam mir ewig vor, die Spannung zwischen uns war greifbar. Auf eine angenehme Weise unangenehm.

Im Hotel angekommen nahm er mir die Jacke ab und setzte sich danach auf die Bank neben dem Bett. Was nun? Ich beschloss, die Sache direkt anzugehen. So setzte ich mich auf seinen Schoss und küsste ihn. Das Einstiegstempo war wohl meiner Unsicherheit geschuldet etwas hoch, aber wir fanden uns schnell. Ich lag rücklings auf dem Bett, er zog mich aus. „Wow“ raunte er, was mein Selbstwertgefühl wohlig schnurren liess. Nach einigen Küssen spürte ich seine Zunge zwischen meinen Oberschenkeln, und er hatte im Griff, was er da tat. In meiner etwas wilderen Stimmung tat ich mich jedoch schwer, richtig zu geniessen, so gingen wir zu anderen Spielarten über.

Es scheint mir unmöglich, das alles zu rekonstruieren, ist es doch schon eine Weile her. Aber jedenfalls entdeckte ich in der Nacht eine neue Seite meiner Sexualität, und mir gefiel, was das in mir auslöste. Ich fühlte mich so frei wie schon lange nicht mehr. Einige Blutergüsse hatte ich davongetragen, meine Kopfhaut war gereizt von all dem Haare ziehen, ich hatte Angst, jemand würde die Knutschflecken an meinem Hals entdecken, und so gezeichnet machte ich mich müde grinsend auf dem Heimweg. Dies würde bestimmt nicht unser letztes Treffen sein.

Am Abend folgte ein Familienessen. „Grüess Ech! Reserviert wäre für sechs Personen, wir sind aber nur zu fünft.“ Gut, war dieses Arschloch nicht dabei. Ich war unglaublich müde, aber zufrieden. Beim Dessertbüffet gab es einen Schokobrunnen. Mein Vater hatte das Plüschtier meiner Kindheit online bestellt und mir feierlich in einer Pappschachtel überreicht. Die Geste rührte mich zu Tränen, hatte ich doch erst Tage zuvor mein altes, zerrissenes, zerknautschtes Exemplar wiedergefunden. So soll das Leben sein.

Rückblickend kann ich sagen, dass noch einige Treffen folgten und auch noch weitere folgen werden, und ich mit ihm einen ganz wunderbaren Menschen kennengelernt habe. Falls ihr das Ganze aus der anderen Perspektive lesen wollt, oder ansonsten gerne gute Texte lest, dann stattet doch seinem Blog einen Besuch ab (www.fortunato108.wordpress.com). Ihr findet mich dort als StillerEngel wieder. Ich danke Dir für all die schönen Erlebnisse, mein guter Freund.

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2 Gedanken zu “Auf ins Neue

  1. Hat dies auf Fortunatos Blog rebloggt und kommentierte:
    StillerEngel alias maijgloeckje hat gerade überraschend begonnen, ihren Blog „tarpatartretar“ (was der Name bedeutet verrät sie bestimmt auf Nachfrage 😉 ) mit Texten zu füllen – die aufmerksamen LeserInnen unter euch ahnen inzwischen sicher, was für eine wundervolle Person sie ist!
    Ihre erste Geschichte handelt dann auch u.a. von unserer ursprünglichen Begegnung – vielen Dank für deine schönen Worte!

    Gefällt mir

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