Herr Züridütsch

Ich hatte Blut geleckt. Meiner ersten guten Erfahrung im Casual Online Dating sollten noch weitere folgen. So kam ich erneut auf meiner Lieblingsseite ins Gespräch mit Herr Züridütsch. Lange smalltalkten wir, er erzählte mir von seinem aufregenden Leben als Tontechniker und ich von meinem vergleichsweise wenig prickelnden Philosophiestudium. Nach einigen Abenden des Schreibens stand fest, dass wir uns treffen wollten. Da ich meine Treffen lieber aus meiner Studienstadt rausverlege, trafen wir uns in Zürich.

Er wartete am Bahnsteig auf mich, man erkannte sich schnell. Wir gingen gingen zu einem Park in der Nähe des Bahnhofs. Zum ersten Mal unterhielten wir uns über unsere sexuellen Vorlieben und Erwartungen an das Treffen, und dies ziemlich hemmungslos. Vielleicht etwas zu hemmungslos, sprach er doch so laut, dass ich fürchtete, dass ein paar Fetzen unseres Gespräches zu anderen Parkbesuchern flogen, aber sei’s drum.

Er wollte wissen, was mich am Schmerz reize. Eine gute Frage. Auch Wochen später habe ich noch keine ausgereifte Antwort darauf. Einerseits scheint Schmerz bei mir direkt mit Lust verbunden zu sein, andererseits ist das erniedrigende Element dabei auch nicht zu verachten. Dadurch, dass jemand sich von einem nimmt, was er will, fühlt man sich unglaublich begehrt. Ich fühle mich dabei nicht schlecht, nicht unterdrückt – wäre dies der Fall, wäre der Spaß aus. Viel eher fühle ich mich gewollt. Und das fühlt sich gut an. Außerdem, wer gibt schon nicht gerne Kontrolle und Verantwortung ab? Dies kann wunderbar entspannend sein von Zeit zu Zeit.

Mal wieder hatte ich jemanden erstaunt damit, für mein Alter sehr genau zu wissen, was ich wolle und mich selbst gut zu kennen. Ob dies lediglich Floskeln sind? Mein gleichaltriges Umfeld scheint mir nicht unbestimmter als ich, wobei die meisten meiner guten Freunde entweder ein paar Jährchen älter oder jünger sind. Aber ich schweife ab.

Herr Züridütsch und ich beschlossen also, dass es Zeit war, übereinander herzufallen. Wir machten uns auf den langen Spaziergang zu einem Hotel. Ich bildete mir ein, von Passanten besorgte Blicke zu ernten, war unser Altersunterschied doch augenfällig groß (Herr Züridütsch war Ende Dreißig seiner Aussage nach, sah aber etwas älter aus) und uns unser Vorhaben allem Anschein nach anzusehen. Einem komisch verkorksten Teil in mir gefielen die Blicke.

Er war vorsichtig. Ob ich denn sicher sei, dass ich das wolle. Ja, war ich. Auch als er zum dritten Mal nachfragte. Wir checkten also ein im Hotel, gingen rauf aufs Zimmer, wo er zuerst mal im Badezimmer verschwand. Als er wieder raus kam, fragte er, ob Küsse in Ordnung gingen. Selbstverständlich. Und schon hatte mich seine Hand am Haarschopf gepackt und wir küssten uns stürmisch. Etwas zu stürmisch, denn irgendwoher kam plötzlich Blut – meine Lippe war aufgeplatzt. Es ist mir bis jetzt ein Rätsel, wie er das geschafft hat.

Die Küsse ließen wir also mal sein. Eines war klar, Herr Züridütsch hatte keine Hemmungen, mich hart anzupacken, er wirbelte mich auf der Matratze umher, manövrierte mich in die Stellungen, in denen er mich gerade haben wollte und hatte eine große Vorliebe dafür, mich mittels Haare ziehen gefügig zu machen. Da ich um meine Nackenwirbel fürchtete, bat ich ihn, etwas sanfter mit mir umzugehen, und er folgte meinem Wunsch sogleich.

Nach einer ersten Runde gingen wir auf seinen Wunsch hin Abendessen, wobei er mir in aller Ausführlichkeit von sich erzählte. Von seinem starken Stoffwechsel, der regelmäßiger Nahrungsaufnahme bedurfte, um zu funktionieren, von seiner Kindheit, die er teilweise in Südafrika verbracht hatte, von seinem Projekt der Umgestaltung des ganzen Medienwesens und seinem Beruf, der ihn Monat für Monat in andere Länder trieb. Neben so energiereichen Menschen fühle ich mich immer etwas phlegmatisch.

Nach dem Essen folgte auch noch die zweite Runde, schlafen ging jedoch jeder nach Hause, er müsse am nächsten Tag arbeiten und mir war sowieso nicht nach Kuscheln. Er meldete sich ein paar Tage später, ihm habe die Zeit mit mir gefallen und er würde mich gerne wiedersehen, wenn er mal wieder im Lande sei. Ergeben hat sich bisher nichts, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

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