Alte Begleiter, die vertextlicht werden wollen.

Sommer 2012. Wir waren 17, beflügelt ob der Intensität unserer Mädchenfreundschaft. Erst den Herbst zuvor hatten wir zusammen in England verbracht, wir trafen uns oft, ich lachte selten so viel. Wir kamen auf die Idee, eine Nacht am Fluss zu verbringen. Clever, wie wir beide waren, behauptete sie, bei mir zu übernachten, wohingegen ich meiner Pflegemutter erzählte, bei ihr unterzukommen, um das Genöle unserer Eltern nicht anhören zu müssen. Wir packten Proviant, Badezeug und Schlafsäcke ein für unser kleines Abenteuer. An Outdoorerfahrung mangelte es uns Pfadfinderinnen nicht. So hatten wir schnell ein ordentliches Feuer und einen primitiven Unterschlupf gebaut. In der Dämmerung gönnten wir uns noch ein Bad. Meine beste Freundin war schön. Ich war interessiert – wusste jedoch, dass sie uns nicht so sah.

Als wir aus dem Wasser zurückkamen, trat ein nackter Mann aus dem Gebüsch. Wie lange der uns schon beobachtet hatte? Er forderte uns auf, bei ihm Hand anzulegen. Der Ekel stieg in mir hoch. Panik. Er ging auf meine Freundin zu und fasste ihr an die Brust. Verdammter Dreckssack. Ich nahm meine Tasche und schleuderte sie ihm an den Kopf, schrie ihn an. Meine Schuhe bekam er ins Gesicht. Er verschwand. Meine Freundin war noch immer erstarrt. Ich raffte unser Zeug zusammen, nahm ihre Hand, und rannte mit ihr davon. Zum Glück konnten wir einem Kumpel schlafen. Die Eltern hätten dumme Fragen gestellt.

Herbst 2012. Beim Spiel im Dunkeln sind wir uns näher gekommen. Versteckt in unserer Ecke nahm er vorsichtig meine Hand, sanfte Küsse folgten. Er war interessant. Gut vier Jahre älter als ich, Vollbart, lange Haare, kreativ, wahnsinnig intelligent. Und er mochte mich. Schon lange sei er in mich verliebt. Bei jeder seiner Berührungen explodierte meine Gefhühlswelt. Ich gab mich ihm hin, liess mich führen, fühlte mich sicher. Es war sehr eng. Wir sahen uns fast täglich in den nächsten dreieinhalb Jahren, die folgten.

Winter 2012. Mein Freund mochte sie, meine ehemals beste Freundin, die sich komischerweise immer mehr von mir abwendete. Ich hatte sie gefragt, wieso. Sie meinte, ich verstricke sie immer in Diskussionen, die sie nicht führen wolle. Ich liess sie also in Ruhe. Ich fragte ihn, meinen Freund, ob er sie liebe. Er verneinte. Verbrachte aber viel Zeit mit ihr, trotz des Wissens, dass ich gerade so mit ihr kämpfte. Ich weinte oft in der Zeit. Inzwischen weiss ich, dass er mich da für sie verlassen hätte, wenn sie ihn denn gewollt hätte.

Frühling 2015. Ich wünschte, er hätte mich da schon verlassen, denn die Jahre die folgten, waren ein Lügengespinst beinahe künstlerischer Feinheit. All seine Affairen, all seine Manipulation, all seine Heuchlerei! Sechs Frauen waren es. Vier davon kannte ich, zwei zählte ich zu meinen Freunden. Auf drei von ihnen habe ich ihn direkt angesprochen und besänftigende Lügen und Vorwürfe wegen meines fehlenden Vertauens in ihn kassiert. Ich wäre nicht mal abgeneigt gewesen, die Beziehung zu öffnen, und er wusste das. Er wusste, wie offen ich bin. Und ich meinte, einen tollen Menschen gefunden zu haben. Intelligent. Feinfühlig. Argumentativ stark wie sonst niemand. Künstler. Leider auch besitzergreifend. Übermässig dominant aber ständig behauptend, sanft zu sein. Und Psychopath.

Wenn man auf einen Schlag seinen engsten Freund verliert, mit dem ich zu dem Zeitpunkt auf Wohnungssuche war, seinen halben Freundeskreis verliert, bemerkt, von so vielen Leuten angelogen geworden zu sein, die einem am Herzen lagen, dann fühlt man sich ganz klein in einem grossen Nichts. Kurz verängstigt ob dieser Leere sah ich die Chance, mein Leben neu zu füllen, neu zu gestalten. Ich bin wieder mein eigener Mensch, ich habe Kontrolle, ich lenke, ich gehe dahin, wo ich will. Und das fühlt sich gut an.

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2 Gedanken zu “Alte Begleiter, die vertextlicht werden wollen.

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