Einmal eine Konstante im Leben zum Mitnehmen, bitte.

Entschuldigt die etwas düstere Stimmung meines Blogs zur Zeit. Jüngste Ereignisse gepaart mit einem psychischen Tief sind eine schlechte Kombination. Aber das Aufschreiben tut gut, das hätte ich schon viel früher machen sollen.

Mein Großvater holte mich von der Arbeit ab. Er ist kein Mann großer Worte, aber seine Sorge um mich ist Zeichen größter Zuneigung. Oder schlechtem Gewissen, wer weiß. Wenn ich zehn Minuten später Feierabend habe könnte ich auf dem Weg ja von einem Wildschwein gejagt oder einem lüsternen Vergewaltiger übermannt worden sein. Ich stieg in sein Auto. „Oma kocht gerade für Dich“, sagte er. Das freute mich ganz ehrlich sehr. Ich mag Oma. Meine Teilzeitmutter. Wie oft hat sie mich in den Schlaf gesungen.

Da sass ich nun, bei gewohnt ungewürzter und verkochter Speise neben meiner Oma, die Tee trank. Das Essen tat gut, in dieser alten Küche fühlte ich mich Zuhause und gleichwohl beklemmt, wusste ich doch, dass mein Urgroßvater im Nebenraum meine damals achtjährige Mutter durchgerammelt hatte. Eigentlich lässt sich diese Spannung zwischen Heimat und Hass auf meine ganze Familie übertragen. Was soll man machen.

„Hast Du mal wieder was von meiner Mutter gehört?“ fragte ich meine Oma, die prompt in Tränen ausbrach. Verdammte scheiße, das hätte ich mir auch denken können. Unsensibel von mir. Sie stammelte etwas, wechselte schnell das Thema. Am liebsten hätte ich sie ganz fest an mich gedrückt, aber sie ist sehr distanziert, das hätte sie überfordert. Das muss ich wohl von ihr haben. Bis vor ein paar Wochen hatte ich noch in großer Regelmäßigkeit Mails von meiner Mutter bekommen. Es schien mal aufwärts zu gehen. Sie plante längerfristiger, war noch nie solange trocken, ja, ab und an nahm sie sogar mal die Mutterrolle ein. Sagte, stolz auf mich zu sein.

Ich ging laufen. Irgendwohin musste ich mit meinen Energien, ich weiß, unterdrücke ich sie zu lange, werden sie sich durch impulsive Handlungen äußern, die ich zutiefst bereuen würde. Die ersten paar Minuten sprintete ich, danach kamen ein paar kleine Tränen, dann wurde ich ruhiger, mein Kopf leer, die Playlist, die ich auf Shuffle gestellt hatte trällerte alte Depeche Mode Songs in mein Ohr – the landscape is changing, the landscape is dy-y-ing – ich trällerte mit, meine Laune war ausgezeichnet. Schwer atmend und verschwitzt stand ich eine knappe Stunde später auf dem Hausplatz, meine müden Beine dehnend. Mein Großvater sass auf der Bank.

„Du hast gestern nach Deiner Mutter gefragt?“, fragte er mit traurigem Blick. Innerlich schrie ich. Gerade ging es mir doch wieder gut. Verfickte scheiß Mutter. Arme gequälte Mutter. „Ja, ich habe schon lange nichts mehr von ihr gehört. Weißt Du Neues?“ Er erzählte mir die üblichen Horrorgeschichten. Zusammenbruch, Krankenhaus, Geldnot, Sozialunterkunft mit zehn anderen Alkoholikern und Koksnasen – das perfekte Umfeld, um wieder gesund zu werden. Ich dachte wirklich, dieses mal sei es anders. Dieses Mal könnte sie die Kurve kriegen. Das Hoffen sollte ich wohl aufgeben und die wenigen Momente mit ihr genießen, die wir noch haben würden. Aber die Persönlichkeitsveränderung hat sie sowieso schon gepackt. Sie ist nicht mehr die Mutter meiner Kindheit. Also meiner frühen Kindheit. Seit ich acht bin kenne ich sie nur noch schlafend und in ihrem eigenen Urin liegend. Bis auf diese wenigen kleinen Momente.

Ende März, in Zürich, ich traf sie dort in einem Café. Wir sprachen über meine Trennung, sie regte sich ehrlich auf über das Leid, das mir widerfahren war, hatte Interesse daran, wo ich mich in Zukunft jetzt sah. Wir haben viele Ähnlichkeiten. Einen gewissen trockenen Humor, eine Sänfte, Kreativität, einen Sinn fürs Sinnliche – sie war Erzählungen zufolge eine gute Köchin. Leider habe ich das nie mitgekriegt. Das höchste der Gefühle waren Bratkartoffeln, wenn es denn mal was gab. Ich schätze, ich sollte diese Mutter endgültig loslassen, meine eigene Mutter sein. Aber ich kann doch nicht loslassen, das würde bedeuten, dass ich nicht mehr daran glaube, dass sie es schaffen könnte. Und dieser Gedanke ist schrecklich. Manchmal wünsche ich mir, dass ihre Leber aufgibt und hasse mich dafür. Hasse mich dafür, das kleine achtjährige Mädchen zu verurteilen, dass doch so Schreckliches durchlebt hat. Dieses auf und ab seit Jahren macht mich fertig. Ein wenig Konstanz im Leben, das wäre nett.

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4 Gedanken zu “Einmal eine Konstante im Leben zum Mitnehmen, bitte.

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