Ein halber Tag.

Ich sitze hier seit verfickten zwölf Stunden. Vierundzwanzig Halbstunden. Achtundvierzig Viertelstunden. Zweiundsiebzig Zehnminuten. Siebenhundertzwanzig Minuten. Dreiundvierzigtausendundzweihundert quälend langsamen Sekunden, die nun doch irgendwie vorbei sind und doch irgendwie gar nicht so lang waren. Seit elf Uhr Morgens sitze ich also hier und ich habe es nicht geschafft, eine verdammte Mail abzuschicken, die Wäsche zu waschen und meine Sachen zu packen. Am Wochenende fahre ich nach München zu meiner Cousine. Wird bestimmt wundervoll.

Ach, ich habe ja doch was erreicht. Ich habe eine Matheaufgabe abgeschrieben. Das wird mir immerhin einen Fünftel der Punkte geben, wenn ich morgen in der Früh meine Serie abgebe und sie vor meinem Kommilitonen zu verbergen versuche. Stets das Gesicht wahren. Ich bin doch die Kompetente, die Wohlüberlegte, die Zuverlässige. Die, die sich seit Stunden nicht vom Fleck bewegt und keine Ahnung hat, wie sie den Tag Morgen meistern soll.

Ich könnte irgendwen anrufen. Ich habe genug Leute in meinem Umfeld. Aber das würde verdammt nochmals nichts bringen, weil ich keine Lust habe zu sprechen. Heute Morgen hab ich gekichert auf dem Weg an die Uni, meine Mitbewohnerin und ich haben so getan, als wären wir die Nachrichtenmoderatoren eines Radiosenders. Ich im Inteview als Kartoffelbauer, die Leute wollen schliesslich wissen, was auf den Feldern nebenan so abgeht. Lachkrämpfe. Wann ist es gekippt? Es geht so schnell, ich seh’s nicht kommen. Plötzlich realisiere ich, dass ich schon einen halben Tag dasitze und nichts auf die Reihe gekriegt habe.

Ich sollte schlafen gehen, Morgen muss ich um sechs Uhr raus. Das wären noch sechs Stunden und vierundvierzig Minuten und dreiunddreissig Sekunden. Zu wenig also. Das mit den Sekunden war eine Lüge. Oder zumindest kein Wissen. Im digitalen Zeitalter gibt es keinen Sekundenzeiger mehr. Zu wenig Schlaf also. Aber ich muss zumindest noch meine Sachen packen, zumindest noch die Mail abschicken. Scheiss auf Mathe. Den Kurs werde ich sowieso nicht bestehen, auch wenn es mir weh tut, mir das einzugestehen. Dachte doch, ich sei schlau.

Na also, dann mach ich mich jetzt mal an all die Aufgaben, die anstehen, danach kann ich für ein paar Stunden ins Bett kriechen. Mit etwas Glück sind’s noch vier Stunden. Oder ich könnte sie auch wach bleiben, ich brauche mehr Zeit für mich, wenn ich schlafe, verliere ich Zeit. Nein, ich muss schlafen. Morgen wird’s anstrengend, morgen Morgen muss ich in dem Raum mit den vielen Leuten meinen Weg nach vorne kämpfen und voller Scham mein fast leeres Übungsblatt abgeben. Ich hoffe, mein Kommilitone schaut nicht genau hin.

Noch etwas mehr als dreiundvierzigtausendundfünfhundert Sekunden bis mein Wecker klingelt und ich noch zehnmal auf die Schlummertaste drücken werde.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s