Umarme den Misanthropen in Dir!

Heute werde ich die Geschichte von Jack erzählen. Jack war ein hübscher junger Bursche. Hohe, gesund gerötete Wangenknochen, glänzendes, dunkles Haar, wiesengrüne Augen und eine gute Statur. Jack ging stets lächelnd durchs Leben, hatte ein offenes Ohr für jeden, ein nettes Wort für all seine Mitmenschen. Wie man dem Präteritum entnehmen kann, ist Jack nicht mehr ganz der Alte.

Jacks bisheriges Leben lässt sich in fünf Abschnitte einteilen, welche er liebevoll seine fünf Enttäuschungen nennt. [1] Mit jeder dieser neuen Lebensphasen ging Jack ein bisschen gebückter, seine prächtige Statur wurde ein wenig schmächtiger, sein volles Haar schütterer und er mit jedem Schlag etwas wortkarger. Nun, in seinem sechsten Lebensabschnitt angekommen, ist Jack nur noch ein kleines, dürres, sehniges Kerlchen mit einer ungeheuren Wut.

Jack sitzt in mir, irgendwo ganz nah beim Herzen. Bei jeder Berührung schreckt er auf. Manchmal, manchmal wenn die Berührungen zu intensiv sind, dann schlingt er seine Arme um die Aorta. Es schlingt sie ganz eng drum, lässt keinen Tropfen Blut mehr durchfliessen, mit ganzer Kraft kämpft er gegen das Leben. Irgendwann dann ist das Herz taub.

Manchmal schreibt Jack kleine, lächerliche Haikus, mit denen er mich gerne aus dem Schlaf reisst.

Die kleinen Hände,

die schon früh gross sein mussten,

halten das Blatt ganz fest.

Ich glaube, damit will Jack erreichen, dass ich ihn nicht vergesse.

Oft habe ich ein schlechtes Gewissen wegen Jack. Leute klopfen gegen meine Tür, unaufhörlich, aber nichts regt sich. Ich sage dann: „Entschuldigt, Jack, der kleine Misanthrop in mir, hat sich festgekrallt. Mein Herz ist taub. Da geht einfach nichts mehr.“ Wenn Jack die Leitung mal dicht gemacht hat, ist es ein ungeheurer Kraftakt, ihn da wieder wegzukriegen. Manchmal versuche ich ihm dann gut zuzureden. „Jack, Menschen laufen nicht mit schlechten Intentionen durch die Gegend. Wer Dir wehgetan hat, wer Dich enttäuscht hat, der tat das nicht mit bösem Willen. Leute sind einfach dumm. Leute sind emotional. Dafür haben sie eher Dein Mitleid als Deine Wut verdient.“ Dann lacht mich das kleine Männlein mit seiner zittrigen Stimme zynisch aus. Naiv nennt er mich manchmal.

Es gibt ganz wenige Leute, an die sich Jack gewöhnt, bei denen er ganz ruhig und sanft wird. Da lockert er den Griff seiner müden Hände, lässt ganz langsam wieder Blut fliessen, das Gefühl kommt zurück. Manchmal, bei ganz langen Umarmungen, wenn er in die warme Wanne gesteckt, umsorgt wird, dann kann er sich ganz gehen lassen, wohlig brummen, ja, oft muss er weinen, weil das so wahnsinnig schön, so nah ist. Ich bekomme dann immer etwas Angst, wenn Jack, der normalerweise am Steuer sitzt, mir die Führung überlässt.

Wenn Jack also nicht mehr aufpasst, muss ich ganz wachsam sein. Allzu oft schon ist es mir passiert, dass ich die Zeichen übersehen habe. Dass Jack bei jemandem all sein Leid vergessen hat und dann aus dem Nichts kommt der nächste Schlag. Für Enttäuschungen, die nicht ganz so übel sind, macht er nur ein Unterkapitel auf, deshalb ist Jack gerade bei 5.2. Kommt dann sowas aus dem Nichts, schreit Jack ganz laut auf und gräbt seine knochigen Finger tief in mein Herz. Alles krampft sich zusammen, Blut schiesst heraus, ergiesst sich in die Brust, ein bedrückendes Engegefühl. Irgendwie, als würde man innerlich ertrinken. Es dauert eine Weile, bis das Blut wieder abgetragen ist, die Wunden wieder dicht sind, das Herz zu schlagen imstande. Während der Zeit umarme ich Jack, den kleinen Misanthropen in mir, immer ganz fest und verspreche ihm, das nächste Mal besser auf ihn zu hören.

_____

[1] Für diejenigen, die etwas genauer an Jacks Lebensgeschichte interessiert sind, habe ich hier noch seine ausführlichen Bezeichnungen für die fünf Enttäuschungen aufgeführt. Sie wirken meiner Meinung nach ein wenig pathetisch, aber dazu neigt das Kerlchen leider.

  1. Enttäuschung: Mutter, wo ist Vater?
  2. Enttäuschung: Mutter, wo bist Du?
  3. Enttäuschung: Vater, wieso hörst Du nichts?
  4. Enttäuschung: Wieso habt ihr nie was gesagt?
  5. Entäuschung: Wer warst Du all die Zeit?
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2 Gedanken zu “Umarme den Misanthropen in Dir!

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